Die Unsichtbaren
Wo, haben Sie gesagt, wohnen Sie? In Bülach? In Niederglatt, Hochfelden oder Bachenbülach? Etwa gar im Wehntal? Sie irren sich: Das gibt es alles nicht. Denn der Zürcher Flughafen grenzt bekanntlich direkt an Deutschland.
So sieht es jedenfalls Martin Benz, Bürgermeister von Hohentengen, einer jener süddeutschen Gemeinden, die noch immerhin 80'000 Landungsflüge über ihrem Gebiet ertragen. "Er möchte die Schweizer Gemeinde sehen, die sich dazu willens zeige", betonte Benz gegenüber der NZZ (22.8.2003). Was ja wohl nur bedeuten kann, dass die Flugzeuge direkt hinter der Grenze landen.
Sie meinen, das sei noch kein Anlass für Existenzängste? Die Deutschen litten nach jahrzehntenlangem Gedröhn an Wahrnehmungsstörungen, und von Norden her sei das Unterland eben schwer sichtbar? Alles eine Frage der Perspektive?
Von Süden tönt es nicht anders. "Um einige Menschen in Süddeutschland zu entlasten, werden einige zehntausend Menschen in Zürich-Nord massiv mehr belastet", meinte jüngst der Zürcher Stadtrat zur Einführung der Südanflüge (Tages-Anzeiger, 19.6.2003). Unter Zürich-Nord ist der Norden der Stadt Zürich zu verstehen, der bekanntlich südlich des Flughafens liegt. Nördlich des Flughafens und südlich von Süddeutschland leben hingegen keine Menschen, die durch weniger Anflüge entlastet oder durch neue Abflüge belastet wären. Allenfalls noch einige wenige in Höri. "Der Nordanflug sei immer noch am sinnvollsten, weil er historisch gewachsen und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Höris davon betroffen sei", meinte jedenfalls gleichentags der Stadtzürcher Gesundheits- und Umweltdirektor R. Neukomm, (Zürcher Unterländer, 19.6.2003). Die Höremer Eingeborenen haben vermutlich historisch gewachsene Ohrenklappen. Übrigens: für Neukomm scheint es offensichtlich auch jenseits des Rheins keine Fluglärmbetroffene zu geben. Willkommen im Kreise der Geister und Gespenster, Herr Benz!
Fragt sich nur, wo die Maschinen fliegen, wenn unser Regierungsrat allen erklärt, Zürich trage bereits 95% des Fluglärms? Vielleicht über den Westen? Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass die Menschen dort für viele - auch für den Regierungsrat - genauso "unsichtbar" sind wie wir im Norden. Unsichtbar bis zum Verschwinden. So unsichtbar, dass wir auch gleich gehen könnten. Zum Beispiel zum Aargau. Zu Schaffhausen oder zum Thurgau. Vielleicht haben die ja schärfere Augen.