Fire and Ice

Silvester-Nachmittag: «Fire and Ice» schreit es von Plakaten und Litfasssäulen. Schmoker reibt sich die Hände. Endlich kann auch sein Heimatort mal etwas bieten, das nicht alle haben. Seine offensive Gangart in der Exekutive hat sich gelohnt: Beim heutigen Jahreswechsel steigt auf der Burg über dem Städtchen ein Feuerwerk, wie es die Bewohner hier im Ort noch nie gesehen haben.

Die klirrendkalten Tage brachten ihn auch auf den trendigen Slogan. Was ihn aber am meisten freut, ist, dass der ganze Spektakel sogar Prestige und Knete bringt Seit knapp zwei Jahren ist er nämlich Vertreter (für die Schweiz) des chinesischen Riesenkonzerns «Tscha-Wumm», weltweit grösster Feuerwerk-Hersteller. Dank seiner chinesischen Gattin Soyung kennt Schmoker keine Barrieren sprachlicher oder kultureller Art im Umgang mit seinen asiatischen Arbeitgebern.Soyung ist immer an seiner Seite, übersetzt, erklärt und räumt so für ihn alle Hindernisse aus dem Weg zum Erfolg.

Mit ihrer Idee der Nachmitternachtsparty hatte sie wahrscheinlich einen für ihn ganz entscheidenden Input gegeben. Jedenfalls hatte er bei der Vergabe der Feuerwerkslieferung im Stadtrat so ganz nebenbei die Bemerkung fallen lassen, die ganze Exekutive sei mit Partnerinnen und Partnern zu Feuerwerk und Party auf die Schmokersche Villa bei der Burg geladen. So bekam «Tscha-Wumm» die Zusage.

Es geht nicht um grosse Beträge, aber um sein Image. Für ihn ist dies ein gewaltiger Gig, als Vertreter einer fernöstlichen Firma eine Stadt in der Schweiz, dazu noch seinen Wohnort, mit den Produkten «seiner» Firma beliefern zu können. Wichtig auch, als Lieferant überhaupt erst in den städtischen Akten zu sein. Silvester- oder auch Augustfeuerwerke wird es immer geben.

Mitternacht: Der Jahreswechsel verläuft zu aller Zufriedenheit: Das Feuerwerk macht «Tscha-Wumm» - die Partygäste machen «aaahhh und ooohhh» und der Alkohol fliesst in Strömen. Morgens um Sieben verlassen die Letzten die Villa am Berg. Neujahr: Mit leicht brummendem Schädel pellt sich Schmoker gegen Mittag aus den Decken. Er will nur eines: an die frische Luft! Die Ruhe im verschneiten Wintergarten ist wunderbar, aber der Friede wird bald getrübt: Im Swimmingpool liegen verkohlte Kartonröhren und schwarze Papierfetzen, an verschiedenen Sträuchern hängen kleine, stinkende Fallschirmchen und soeben kommt sein Spaniel daher mit einem verrussten, drahtumwickelten Stecken im Maul.

Jetzt geht Schmoker ein Licht auf. Daran hatte er natürlich nicht gedacht. Das ist sehr unangenehm, davon sind sicher auch seine Nachbarn betroffen. Er muss unbedingt dafür sorgen, dass das nächste Feuerwerk etwas mehr in Richtung des nördlichen Dorfteils abgefeuert wird. Am besten wird er vor dem nächsten Mal die chinesischen Feuerwerker selber entsprechend instruieren. Lange begreift er nicht, wie er diesen Umstand hat vergessen können.

31. Dezember 2003, von Christian Ulrich

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