Nachfrageorientiert

Klingt gut. Nachfrageorientiertes Wachstum. Ein Begriff, der auf der Zunge zergeht. Erinnert irgendwie an Nachhaltigkeit gepaart mit Fortschritt und Lebensfreude. Und besagt: «Was Du willst, bekommst Du.» Denn Du bist ja die Nachfrage!

Ich wünschte mir ein nachfrageorientiertes Wachstum des Bildungsangebots. Mehr und mehr Schulklassen mit schliesslich einem knappen Dutzend Schülerinnen und Schülern; eine immer breitere Palette an Freifächern, einen hochstehenden Ausbau der Infrastruktur %u2013 die Nachfrage wäre sicher da.

Oder im Gesundheitswesen. Grosse, helle Einzel- oder Zweierzimmer für alle nach Wunsch in den Spitälern. Modernste Apparaturen und das gesamte Angebot in jeder mittelgrossen Stadt. Eine stets zunehmende Auswahl an Therapien, für alle Bedürfnisse und Überzeugungen. Die Kundschaft wäre vorhanden, und nebenbei würden noch neue Arbeitsplätze geschaffen.

Doch das Angebot in diesen Bereichen wird nicht ausgedehnt. Schon gar nicht nach Massgabe der Nachfrage. Ganz im Gegenteil: die Leistungen werden abgebaut. Denn sie kosten Geld; Steuergeld. Das heisst, sie werden in erster Linie von den Wohlhabenden bezahlt, denn unser Steuersystem ist bisher so ausgerichtet, dass es für einen gewissen Ausgleich der Einkommens- und Vermögensunterschiede sorgt.

Ein nachfrageorientiertes Wachstum des Flugverkehrs kostet ebenfalls. Es kostet Gesundheit, Lebensraum, Naturräume. Das trifft alle, aber ganz besonders jene, die sich ihren Wohnort nicht so ohne weiteres aussuchen können. Sie werden auch nach Ausschöpfung der Kapazitäten unseres Flughafens, auch nach dem Bau einer Parallelpiste im Lärmgebiet wohnen bleiben, das dann immer mehr zum Slum verkommt. Denn wer es sich leisten kann, wird wegziehen. Oder lebt bereits jetzt dort, wo man der Ansicht ist, teures Bauland berechtige zur Verschonung vor den negativen Auswirkungen des eigenen Mobilitätkonsums.

Langfristig kostet die reine Ausrichtung an der Nachfrage noch viel mehr: sie kostet unser Klima, unsere Umwelt und letztlich auch unsere Wirtschaft. Das werden auch die Privilegierten merken, die denken, sie könnten auf Kosten anderer in Saus und Braus leben und müssten nicht einmal zu einem Kompromiss Hand bieten. Aber sie %u2013 oder ihre Kinder %u2013 werden es zu spät merken. Darum müssen wir ihnen jetzt Einhalt gebieten.

Claudia Forni, 18. April 2007

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