Himmelblau

Und? Wie ging es Ihnen, als Sie das erste Mal an diesem himmelblauen Plakat vorbeifuhren und die weissen Buchstaben «Mein Flughafen» lasen?

Also ich, ich habe zack-bums an der nächsten Kreuzung mein Auto gewendet und bin, weil ichs nicht fassen konnte, nochmals daran vorbeigefahren. Es stand immer noch da: «Mein Flughafen!»

Meiner Freundin neben mir verschlug es die Sprache. Sie starrte mit verklärtem Blick auf das Plakat. «Mein Flughafen!» wiederholte sie. Mit zärtlicher, sanfter Stimme. Mit Augen, als hätte sie Schmetterlinge im Bauch. Sie verstehen: Mitten ins Herz getroffen! In diesem Moment wurde mir schlagartig klar: Dieses Plakat wird die Welt verändern! Oder mindestens den Kanton Zürich! - Der Flughafen «himmelblau jauchzend» mir und Ihnen! Obwohl wir vermutlich beide keine Unique Aktien besitzen.

Egal! Von einem Tag auf den andern, einfach geschenkt! Die Herzen der Menschen werden dahinschmelzen wie Butter an der Sonne! Niemand wird mehr ein böses Wort gegen den Flughafen sagen. Die Bürgerbewegungen in allen vier Himmelsrichtungen des Kantons werden wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen. Geplante oder bereits erstellte Aussichtstürme in An- oder Abflugschneisen werden nicht gebaut oder demontiert. Wer bisher Dachziegelklammerung verweigert hat, wird jetzt von sich aus darum bitten, dass die Arbeiten in Angriff genommen werden. Einsprachen, wo auch immer eingereicht, werden mit einer Entschuldigung zurückgezogen werden. Und die Menschen werden sich rundum bewerben darum, dass endlich auch ihr Haus überflogen wird.

Sie und ich ins Herz getroffen! Und alles eisblaukalt berechnete Strategie! Wie Fliegen werden wir den cleveren Werbernvon Unique auf den Leim kriechen. Hofft mein Flughafen. Hoffe ich nicht! Bis gestern hat sich mein Flughafen keinen Deut um mich gekümmert. Auch nicht um Sie im Osten oder Westen. Und schon gar nicht um die Menschen in Süddeutschland. Wieso die Kehrtwende? Wer sonst so hoch zu Ross daherkommt, wird sich bestimmt nicht ohne Absicht plötzlich unter das Fussvolk mischen. Läuten bei Unique die Alarmglocken, weil die bisher flughafentreusten Menschen im Süden beginnen, sich gegen den Airport aufzulehnen?

Meine Freundin? Noch ist sie blauäugig. Aber sie wohnt in Stäfa. Und ich könnte schwören: Wenn die Südanflüge ab Ende Oktober wirklich kommen, wird auch sie, frühmorgens aufgeweckt, nur noch zärtlich «mein Fluglärm...» flüstern.

1. Oktober 2003, von Regula Knellessen

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