Der Drache von Turicum

Es war einmal ein Land, im Süden und Osten hügelig, im Norden und Westen flach, schön und fruchtbar. Mittendrin ein See und die Stadt Turicum. Die Leute lebten gerne da. Nun wohnten in diesem Land aber auch Drachen. Im Nordwesten und im Nordosten, nahe der Drachenhochburg, waren sie besonders laut. Schon einige Jahre hatten sie einfach keine Ruhe mehr gegeben und gelärmt, Feuer gespieen und oft waren sie dicht über den Dächern der Häuser herumgeflogen.

Die Bewohner hatten sich mehr oder weniger daran gewöhnt und lebten damit, wenn auch immer wieder Stimmen laut wurden, die gegen die Dreistigkeit der Drachen vorgehen wollten. Oft unternahmen diese auch grössere Flüge nordwärts, aber da sich der Fürst des Nachbarlandes gegen diese Ausflüge über seine Felder wehrte, wurde es den Drachen irgendwann zu blöd. Deshalb waren sie plötzlich auch ab und zu im hügeligen Süden anzutreffen. Da die Bürger da bis jetzt kaum wahrgenommen hatten, dass diese Drachen so laut sein können, waren sie empört, beschwerten sich lauthals und bildeten kämpferische Horden. Auch riefen sie: «Behaltet doch eure Drachen da, wo sie sonst auch immer ihre Runden drehen! Wir dulden sie nicht!»

So entbrannte ein Streit unter den Bewohnern des sonst so friedlichen Landes. Es wurde aufgerüstet und gegenseitig Schuld zugewiesen. Verschiedentlich wurde auch versucht mit den Drachen zu verhandeln, was sich aber als sehr schwierig erwies. Denn diese wollten sich nicht festlegen, wie viel sie fliegen würden, und sie meinten, dass es ihnen eigentlich egal wäre, wo sie lärmen könnten, solange sie unbehelligt blieben. Von den Bewohnern des südlichen Landes angestiftet, drohten sie aber damit, sich nur noch im Norden zu vergnügen, was vom Rest des Landes nicht weiter ernst genommen wurde. Wie dieses Märchen ausging ist nicht überliefert. Ob die Bauern des Nordens die Waffen in der trügerischen Ruhe von vornherein weglegten, in der Hoffnung, die Drachen würden freiwillig mehr schlafen und diese Möglichkeit vergessen? Hoffentlich nicht!

28. September 2005, von Angelika Müller

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