Berghilfe fürs Unterland
*Das Tal meiner Herkunft ist eines jener entvölkerungsgefährdeten Bergtäler, denen nicht einmal der Tourismus echte Perspektiven bietet. Sie kennen es vom Fernsehen oder aus Zeitschriften: aus Berichten über Bergbauern oder traditionelle Handwerke mit Bildern von Grossmütterchen, alten Kirchen und der Männergesellschaft in der Dorfbeiz. Die exotische Faszination lässt manchmal vergessen, wie beschwerlich es ist, dort zu leben, wo niemand sonst mehr leben will.
Neulich hörte ich, am Taleingang, wo die Strasse von Erdrutschen bedroht ist, werde ein Tunnel gebaut. Die Dörfer wären künftig nicht so oft abgeschnitten, die Fahrt in die nächste Kleinstadt auch bei Regen sicher. «Wer zahlt das denn?», fragte ich, «So ein aufwändiges Projekt - für so wenig Leute?» «Keine Ahnung», lautete die Antwort, «vielleicht der Kanton.» Nein, nicht Zürich, dafür müssen Sie schon tiefer in die Alpen vordringen - obwohl: Manchmal beteiligt sich auch das Mittelland im Sinne innerschweizerischer Entwicklungshilfe an derartigen Projekten.
Es gibt Gegenden, die sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Wir bezahlen für ihr Überleben: entweder über Steuern und die öffentliche Hand oder über Spenden und gemeinnützige Institutionen. Wozu eigentlich? Könnten wir sie nicht ihrem Schicksal überlassen? Eine Antwort gibt die Homepage der Schweizer Berghilfe: «Das Leben in den Bergen gehört zum Gesicht der Schweiz. Mit Pionier- und Innovationsgeist und mit harter Arbeit schufen sich Menschen hier ihr Zuhause.»
Aha, darum geht es. Lebensräume, über Jahrhunderte von Menschen geschaffen und mit ihrer Geschichte verwachsen, sind ein wertvolles Gut, Teil unseres Erbes und ein Potential für die Zukunft. So etwas gibt man nicht leichtfertig preis. Nicht einmal, wenn der unmittelbare Nutzen fraglich ist.
Gilt das nicht umso mehr für den äusserst lebendigen Siedlungsraum Zürcher Unterland? Die Siedlung hat sich nicht «in den Flughafen hineingefressen», wie ETH-Professor Alain Thierstein meint. Sie hat sich über Jahrhunderte entwickelt - und der Flughafen ist seit kurzem ein Teil davon: nicht mehr und nicht weniger. Ein Teil wie die Dörfer, Städtchen und Weiler, wie Bauernöfe und Industriestandorte, wie Spitäler, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Alles in stetigem Wandel, alles irgendwann dem Untergang geweiht. Aber nichts, was wir leichtfertig zerstören dürften. Wer vorhat, in wenigen Jahrzehnten aus diesem Zuhause ein Relief-Gebiet zu machen, verspielt das Erbe von Generationen. Dagegen helfen auch noch so grosszügige Entschädigungen nichts. Die «Berghilfe» soll denen vorbehalten bleiben, die sie wirklich brauchen.