Flieg aus der Reihe

Haben Sie das kürzlich auch gelesen? Die britische Regierung muss darauf verzichten, im Norden der Grafschaft Kent einen Riesenflughafen für 110 Millionen Passagiere im Jahr zu bauen, Weil das Areal von 200 000 Vögeln bewohnt wird! Nicht etwa, dass Vögel schützenswerter wären als Menschen, aber sie sind mächtiger. Fliegen sie in Scharen durch die Gegend, könnten sie mit Flugzeugen kollidieren und dieses Risiko will, Gott sei Dank, niemand eingehen.

Könnten Menschen fliegen! Fackelzüge, Mahnfeueraktionen, Demonstrationen würden überflüssig! Wir würden alle in Scharen zum Himmel aufsteigen, jede Bürgerbewegung ein fliegender Menschenschwarm, und die Flugzeuge blieben vorübergehend am Boden! Natürlich würden wir den Flughafen nicht abwürgen, aber mit unserem Widerstand am Himmel eine Nachtruhe von neun Stunden durchsetzen, die Flugrouten diktieren und die Anzahl der Flugbewegungen in Grenzen halten.

Auch einzeln würden wir losfliegen, wohin immer die Sehnsucht zieht! Natürlich bräuchte es Regeln: Rechtsvortritt, Helmobligatorium, eine Zulassungsprüfung. Flughäfen würden nur noch in kleinem Rahmen betrieben: Für Kranke, Alte; für häufig reisende Geschäftsleute, damit sie sich nicht überanstrengen; für noch nicht flugfähige Kinder. Disc Player wären beim Fliegen verboten, um die Menschen am Boden nicht mit Lärm zu belasten. Dafür dürften wir nach Lust und Laune landen: Gekröpft, gecirclet und sofort auch von Süden! Flugimissionen wären kein Thema mehr, die Flugbewegungen auf natürliche Weise eingeschränkt und kein Flughafen müsste jemals ausgebaut werden.

Hochfliegende Visionen, stimmt! Doch ohne Visionen hätten die Menschen nie das Rad erfunden, sich nie in Bewegung gesetzt, die Welt zu erobern! Und ohne die Vision eines auch in zwanzig Jahren noch bewohnbaren Zürcher Unterlandes würden sich nicht so viele Menschen für die Erhaltung der Lebensqualität in der Region einsetzen.

Und überhaupt: Auch andere fliegen hoch mit ihren Visionen! Flughafendirektor Felder z.B. gab im November 2000 in einem Zeitungsinterview bekannt, Kloten solle zum attraktivsten Verkehrsknotenpunkt der Welt im Bereich der Zivilluftfahrt werden. Ja, Sie haben richtig gehört: Der Welt.

Wie auch immer: Seit Ikarus und dem Swissairdebakel wissen wir, dass mit einem jämmerlichen Absturz enden kann, wer zu hoch hinaus will. Bleibt also auch mir nichts anderes übrig, als wieder rechtzeitig auf den Boden zu kommen. Und zu wünschen, dass Unique und Swiss die Ikaruserfahrung er-spart bleiben möge.

2. Juli 2003, von Regula Knellessen

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